Sandweier - Baggern für den Schlammpeitzger

Begutachtung der Baggerarbeiten für den Schlammpeitzger
Begutachtung der Baggerarbeiten für den Schlammpeitzger

Bei Baden-Baden/Sandweier werden die Überlebens­bedingungen einer besonders bedrohten Fischart verbessert: Im Naturschutzgebiet Bruchgraben, einem der bedeutendsten Feucht­gebiete der Region, konnte der Lebensraum des Schlamm­peitzgers jetzt um fast 900 Quadratmeter ausgeweitet werden. Dazu wurde der Bruchgraben an sieben Stellen verbreitert und vereinzelt tiefer gelegt.

Im Natur­schutz­gebiet Bruchgraben wurde der Bestand 2014 auf etwa 80 Individuen geschätzt. Wie viele der Tiere den heißen Sommer 2015 überlebt haben, ist schwer zu sagen: Flach­wasser­zonen und Graben waren fast komplett ausgetrocknet. Katrin Fritzsch, Projektleiterin vom NABU Baden-Württemberg, wertet das als klare Bestätigung, dass die Maßnahmen an der richtigen Stelle ansetzen: „Wir wollen und müssen eine komplette Austrocknung verhindern. Nach unseren Bauarbeiten können hier jetzt ideale Lebensräume entstehen: feucht, schlammig, mit Wasserpflanzen.“ Davon profitieren neben dem Schlammpeitzger auch andere Arten, etwa Libellen oder Amphibien. Ein Gewässerökologe hat die Arbeiten begleitet und darauf geachtet, dass es trotz des Einsatzes von schwerem Gerät keine schädlichen Auswirkungen beispielsweise auf andere Tiergruppen gab. Die weitere Entwicklung wird im Rahmen des Projekts fachlich begleitet.

Der Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) kann gut mit Bedingungen leben, die für andere Fische lebensbedrohlich sind – dank erstaunlicher Anpassungen an naturnahe Auenlandschaften, seinen ursprünglichen Lebensraum. Dort sind Über­flutungen und Austrocknungsphasen an der Tagesordnung. Wenn sich die flachen Gewässer, in denen er zuhause ist, stark erwärmen und Sauerstoff knapp wird, atmet er über den Darm. Dazu verschluckt er an der Wasseroberfläche Luft, aus der seine stark durchblutete Darmschleimhaut Sauerstoff aufnimmt. Trocknet das Wohngewässer aus, nutzt der Schlamm­peitzger seine Fähigkeit, über die Haut zu atmen. Dann gräbt er sich tief in den feuchten Grund ein, fährt den Stoffwechsel herunter und schränkt die Atmung ein. „Der Schlammpeitzger war in Baden-Württemberg einmal weit verbreitet. Heute kommt er nur noch am Federsee und am Oberrhein vor“, berichtet Fritzsch. Er steht auf der Roten Liste und gehört zu den am stärksten durch den Verlust von Lebensraum beeinträchtigten Fischarten.

Da der Mensch seit dem 18. Jahrhundert den ursprünglichen Lebensraum des aalähnlichen Fischs trocken gelegt hat, ist es umso wichtiger „Ersatzlebensräume“ zu schaffen oder zu optimieren. „Sonst verschwindet die Art ganz aus Baden-Württemberg oder sogar aus Deutschland“, betont Fritzsch.

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