Erst die Ziegen, dann der Melker

Erst die Ziegen, dann der Melker

von Anke Beisswänger

Ziegenmelker (Quelle: NABU/D. Nill)
Ziegenmelker (Quelle: NABU/D. Nill)

Im Hirschacker hat ein „Lebensader Oberrhein“-Projektbotschafter eine kleine Sensation entdeckt: Der in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte Ziegenmelker hat sich nach jahrzehntelanger Ab­wesen­heit wieder im Naturschutzgebiet zwischen Schwetzingen und Mannheim gezeigt. Nach Einschätzung des NABU ist das ein weiterer klarer Beleg dafür, dass die im Rahmen des Projekts vor rund vier Jahren ge­star­teten Naturschutzmaßnahmen wirken.

„Wir gehen davon aus, dass der Ziegenmelker das Gebiet ähnlich lange gemieden hat wie die Heide­lerche“, berichtet Katrin Fritzsch, Projektleiterin in Baden-Württemberg. Die Heidelerche war 2016 nach 40 Jahren erstmals wieder im Hirschacker gesichtet worden. Beide Vogelarten profitieren offensichtlich von den offenen Sandflächen und lichten Kiefernwäldern. Diese sind im Rahmen des Projekts wieder entstanden, nachdem Kiefern die Flächen zuvor überwachsen und die eigentlich charakteristische Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten massiv zurückgedrängt hatten. Ein Übriges hat der Einsatz von Ziegen als tierischen Landschaftspflegerinnen getan. „Ganz gemäß der Maxime: Erst kommen die Ziegen, dann der Melker“, so Fritzsch. Früher glaubte man, der Vogel melke Ziegen, da er oft unter ihrem Bauch beobachtet wurde. Heute weiß man, dass er dabei auf Insektenfang ist.

„Offenbar hat ein erstes Ziegenmelker-Männchen den Hirschacker als potenziellen Lebensraum wieder entdeckt“, führt die Biologin aus. „Jetzt sind wir natürlich gespannt, ob sich auch ein Weibchen einfindet und das Schutzgebiet sich wieder zum Brutgebiet des seltenen Vogels entwickelt.“ Fritzsch bittet darum, den Bodenbrüter zu unter­stützen: „Es braucht nur ein wenig Rücksicht. Da die Tiere ihre Eier in kleine Kuhlen auf dem Boden legen, ist es wichtig Hunde unbedingt an die Leine zu nehmen, wie es die Regeln für das Schutzgebiet ja ohnehin ganzjährig vorsehen. Sonst hat die Vogelart keine Chance auf eine erfolgreiche Brut. Mit vielleicht dramatischen Folgen – schließlich gibt es in ganz Baden-Württemberg nur noch etwa 20 bis 25 Brutpaare.“

Nicht nur in der Vogelwelt, auch bei den Pflanzen stellt sich im Hirschacker wieder die charakteristische Vielfalt ein, seitdem der Kiefernbewuchs aufgelichtet worden ist und die Sonnenstrahlen wieder ungestört auf den Boden gelangen. „Dazu gehören zum Beispiel Sand-Thymian, Sand-Günsel oder Sonnenröschen“, erläutert die NABU-Fachfrau. „Besonders freuen wir uns darüber, dass sich die Graue Skabiose wieder ausbreitet, die hierzulande als ‚stark gefährdet‘ gilt und zu den 15 Pflanzenarten gehört, um die wir uns in Deutschland besonders kümmern müssen, weil es sie entweder nur hier gibt oder weil ein Großteil des weltweiten Bestands – noch – bei uns zu finden ist. Die auch als Duft-Skabiose bekannte, zart lilafarbene Graue Skabiose kommt nur im zentralen und südöstlichen Europa vor. Mindestens die Hälfte des Weltbestandes befindet sich in Deutschland.“

Über den Ziegenmelker:

  • Der graubraune, langgestreckte Ziegenmelker ist ein faszinierender und sagenumwobener Vogel. Mit seinem schnurrenden Gesang und dem eigen­tümlichen Flügel­klatschen ist er eine der ungewöhn­lichsten heimischen Vogelarten.
  • Er gehört zur Familie der Nachtschwalben, die dämmerungs- beziehungsweise nachtaktiv sind. Der falkengroße Ziegenmelker verschläft den Tag gut getarnt am Boden und wird erst nach Sonnenuntergang aktiv, um im Flug Insekten zu jagen.
  • Ziegenmelker sind Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern und im März in ihre Brutgebiete zurückkehren. Typisch ist der Balzgesang: ein Schnurren, das an ein Motorrad in der Ferne erinnert. Häufig ist auch ein Knallen zu hören. Dieser „Peitschenknall-Effekt“ entsteht, indem der Vogel die Flügel stark nach oben oder unten presst, ohne dass sie sich dabei berühren. Nach der Partnerwahl legt das Weibchen Mitte Juni zwei Eier in eine leichte Vertiefung auf den möglichst vegetationsarmen Boden.
  • Früher glaubte man, der Ziegenmelker melke Schafe oder eben Ziegen, da er oft unter dem Bauch der Tiere beobachtet wurde und es aussah als würde er die Tiere „melken“. Stattdessen fliegt er Insekten – von denen gerade bei Weidevieh viele umherschwirren – oft von unten an und käschert sie quasi weg.
  • Der Ziegenmelker ist in Baden-Württemberg laut Roter Liste vom Aussterben bedroht, die Bestände befinden sich seit Jahren im Sinkflug. Wichtige Ursachen sind Nahrungsmangel und Lebensraumverlust. Aktuell gibt es nur noch etwa 20 bis 25 Brutpaare im Land.

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