Biodiversitätsbotschafter/-innen engagieren sich

Biodiversitätsbotschafter/-innen engagieren sich

von Anke Beisswänger

Heuschrecken-Exkursion im Hirschacker (Quelle: Claudia Zieboll)
Heuschrecken-Exkursion im Hirschacker (Quelle: Claudia Zieboll)

Heuschrecken im Hirschacker

Schon zum zweiten Mal haben Biodiversitäts­bot­schaf­terin Ribana Seliger und Sebastian Olschewski vom NABU Heidelberg zur Heuschrecken-Exkursion im Hirsch­acker­wald eingeladen. Unter dem Motto „Ödland und Edel­steine“ ging es im August 2016 in das Naturschutzgebiet zwischen Schwet­zingen und Mannheim.

Wie viele Arten konntet ihr beobachten?
Sebastian Olschewski (SO): Wir konnten auf der Exkursion über zehn verschiedene Arten kennenlernen, ein paar von ihnen sogar stimmlich über den Gesang. Die Lautäußerungen eignen sich hervorragend zur Artbestimmung. Im Gegensatz zu vielen anderen Insektengruppen sind Heuschrecken ja relativ einfach zu bestimmen. Hinzu kommt, dass es in Baden-Württemberg eine vergleichsweise überschaubare Anzahl von rund 70 verschiedenen Arten gibt. Damit bieten Heuschrecken einen her­vorragenden Einstieg in die Welt der Insekten – die artenreichste Tierklasse überhaupt. Im Hirschackerwald haben wir neben Arten, die in Baden-Württemberg weit verbreitet sind, z. B. Großes Heupferd (Tettigonia viridissima) oder Waldgrille (Nemo­bius sylvestris), auch echte Spezialisten der Sandrasen und Binnendünen beobachtet.

Das heißt es gab besondere „Edelstein“-Highlights?
SO: Auf jeden Fall. Die Binnendünen und Sandrasen der Oberrheinebene sind für einige gefährdete Arten wichtige und oft die letzten Lebensräume. Einige der Arten im Hirschackerwald sehen sitzend völlig unscheinbar braungrau aus. Die Tiere verlas­sen sich fast blind auf ihre Tarnung und bewegen sich erst kurz bevor der Beobachter bedrohlich nahe ist. Im Spring­flug blitzen dann die blauen Hinterflügel auf. Die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und die sehr ähnliche Blauflügelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) machen ihren Namen alle Ehre und sind wahre Edelsteine der Binnen­dünen. Aber auch die winzige Gefleckte Keulenschrecke (Myrmeleotettix maculatus) ist beeindruckend: Mit ihren verdickten Fühlerenden ist sie auch leicht zu erkennen, durch ihre unscheinbare Körperfärbung ebenfalls perfekt getarnt. Ein ganz besonderes Highlight war die Beobachtung der Grünen Strandschrecke (Aiolopus thalassinus) im letzten Jahr. Diese stark gefährdete Art der ehemaligen großen Schotterflächen des unbegradigten Rheins ist in Deutschland nur in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu finden.

Ihr macht ja immer wieder solche Führungen – stellt ihr Veränderungen fest, die sich möglicherweise auf „Lebensader Oberrhein“-Maßnahmen zurückführen lassen?
SO: Ja, Veränderungen sind festzustellen. Das ist sehr spannend! Es gibt sehr mobile Heuschreckenarten, die gut fliegen können. Ich konnte seit Durchführung der Maßnahmen beobachten, dass diese sehr schnell die freigestellten, wieder offenen Flächen besiedeln. Von diesen Maßnahmen profitieren also nicht nur Sandlaufkäfer, Sandstrohblume und die Heidelerche, sondern auch bedrohte Heuschreckenarten.

Was interessiert die Teilnehmer/-innen besonders? Was ist deren häufigste Frage?
SO: Fasziniert sind die Teilnehmer zum Beispiel von den langen Legebohrern der weiblichen Langfühlerschrecken, die einem langen Stachel ähneln. Damit können die Tiere ihre Eier in die obere Bodenschicht oder in Pflanzenteile ablegen. Faszination weckt auch der Lebenszyklus der heimischen Heuschreckenarten: Die ausgewachsenen Tiere (Imagines) sterben nach der Fortpflanzung im Frühherbst – bei den meisten Arten überwintern die Eier. Nach dem Schlupf im Frühjahr durchlaufen die Schrecken mehrere Larvenstadien, bevor sich der Lebenskreislauf mit der Häutung zum Adulttier wieder schließt. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei Grillen und den Dornschrecken überwintern auch Larven. Ein Puppen­stadium wie bei Schmetterlingen oder Käfern gibt es bei den Heuschrecken nicht. Auch nach der Nahrung wird oft gefragt: Neben omnivoren Arten (Allesfresser) gibt es auch rein vegetarisch lebende Arten.

Und was fasziniert dich persönlich an Heuschrecken?
SO: Heuschrecken können singen, springen und fliegen, sind oftmals bunt gefärbt und leicht zu beobachten. Sie leben auf dem Boden, in der Krautschicht, in Büschen und auf Bäumen in fast allen Lebensräumen. Sie gehören für mich zum Sommer dazu wie die Schwalben oder Mauersegler. Für uns Naturschützer sind sie außerdem wichtige Zeigerarten. Zum Beispiel lässt sich an der Heuschreckenfauna ablesen, ob Grünland sehr intensiv oder extensiv genutzt wird und wie die kleinklimatischen Verhältnisse vor Ort sind. In anderen Ökosystemen nehmen Heuschrecken eine noch größere Schlüssel­rolle ein: Bei den regelmäßigen Massenvermehrungen dienen sie zum Beispiel Weißstorch und Wiesenweihe als wichtige Nahrungsgrundlage in den afrikanischen Winter- und Durchzugsgebieten.

Wie geht es den Heuschrecken bei uns? Brauchen sie unsere Unterstützung – und was kann man ggf. für sie tun?
SO: Wie viele andere Artengruppen in Baden-Württemberg geraten auch die Heuschrecken in einigen Lebensräumen mehr und mehr unter Druck. In der Agrarlandschaft ist die Vielfalt an Heuschreckenarten extrem gering: Das Fehlen von Acker­rand­streifen, der hohe Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln sowie eine intensive Grünlandnutzung machen ein Überleben fast unmöglich. Aber auch die fehlende Nutzung und die daraus folgende Sukzession auf Halb­trocken­rasen, Wacholderheiden und in Kiesgruben verdrängt gefährdete Arten. Auch die forstliche Nutzung von Binnendünen bedeutet das Ende für die Sandspezialisten. Heuschrecken profitieren von vielen NABU-Naturschutzzielen: Der Biotopverbund als grüne Infrastruktur ermöglicht einen Austausch zwischen den zum Teil isolierten Populationen, eine grünere Landwirtschaft mit weniger Pestiziden und wirksamen Agrarumweltmaßnahmen fördert Arten der Agrarlandschaft, die Umsetzung von NATURA 2000 fördert indirekt auch die Lebensräume von gefährdeten Heuschreckenarten. Denn FFH-Offenlandlebensraumtypen beherbergen oft auch eine gefährdete Heuschreckenfauna. Und jede und jeder einzelne von uns kann durch den Kauf von biologisch erzeugten Lebensmitteln einen Beitrag leisten – denn weniger Pestizide auf dem Acker bedeuten eine größere Insektenvielfalt.

Gibt es angesichts von Klimawandel & Co. Veränderungen in der Arten-Landschaft? Sind vielleicht sogar Probleme für heimische Arten absehbar?
SO: Auch bei den Heuschrecken macht sich der Klimawandel bemerkbar: Wärmeliebende Arten breiten sich aus, so ist zum Beispiel die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) mittlerweile bis nach Brandenburg nachgewiesen. Früher lag ihre Verbreitungsgrenze auf der Höhe von Bonn. Das Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) breitet sich in Baden-Württemberg weiter aus, etwa im Hegau. Die Schiefkopfschrecke (Ruspolia nitidula), eine ursprünglich überwiegend in Südeuropa verbreitete Art, singt mittlerweile auch im Wollmatinger Ried am Bodensee. Die Südliche Eichenschrecke (Meconema meridionalis) hat viele Städte in Baden-Württemberg erobert. Hingegen wird es für einige andere Arten eng, die auf kühlere und feuchte Lebensräume angewiesen sind. Die Alpine Gebirgsschrecke (Miramella alpina) beispielsweise ist in den Höhenlagen des Schwarzwalds von starken Arealverkleinerungen betroffen. Ob sie in Baden-Württemberg überlebt, ist ungewiss.


Sebastian Olschewski ist Diplom-Landschaftsökologe. Schon vor seinem Studium hat er begonnen, sich mit Heuschrecken und ihren Lebensräumen zu beschäftigen. Darüber hinaus haben es ihm insbesondere die gefiederten „Edelsteine“ angetan. Der Zweite Vorsitzende des NABU Heidelberg ist beruflich in der Naturschutzverwaltung Baden-Württembergs tätig.

Die Diplom-Umweltwissenschaftlerin Ribana Seliger gehört ebenfalls dem Vorstand der NABU-Gruppe Heidelberg an. Ihr ist es wichtig, die Biodiversität auch in der so stark besiedelten Metropolregion Rhein-Neckar – wo noch möglich – zu bewahren und zu fördern. Sie hat 2015, beim ersten Durchgang, an der Biodiversitätsbotschafter-Ausbildung im Rahmen des Projekts Lebensader Oberrhein teilgenommen. Wir haben mit ihr im Anschluss an die Exkursion darüber gesprochen:

Was hat dich an der Biodiversitätsbotschafter-Ausbildung gereizt?
Ribana Seliger (RS): Ich bin nicht in der Region aufgewachsen, sodass dieses Angebot eine hervorragende Möglichkeit bot, die verschiedenen Lebensraumtypen kennen zu lernen und mich intensiver mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Verlauf der Ausbildung entdeckte ich schützenswerte Natur-Kleinode in dieser stark besiedelten Region. Die Ausbildungsansätze fand ich in zweierlei Hinsicht sehr wichtig. Zum Einen die Betrachtung der geologischen Entstehungsprozesse sowie die mensch­lichen Einflüsse, welche beide die heutigen Standortbedingungen für Tiere und Pflanzen prägen. Und zum Anderen, dass wir uns nicht nur als Konsumenten interessanter Informationen verstehen sollten, sondern vielmehr als Multiplikatoren, die ihr Wissen und die Faszination an der Natur gern weitergeben. Daher gab es neben den fachlichen Hinter­grund­informationen viele Tipps, wie man eine naturkundliche Führung organisiert und durchführt.

Wie nutzt du die Biodiversitätsbotschafter-Ausbildung?
RS: Über die NABU-Gruppe Heidelberg bieten wir Vorträge und Exkursionen an, bei denen wir die Inhalte der Biodiversitäts­bots­chafter-Ausbildung mit Informationen zu etwas weniger häufig betrachteten Tiergruppen wie den Heuschrecken kombinieren. Bei solchen Exkursionen erklären wir vor Ort die Entstehungsgeschichte der Landschaft und zeigen repräsentative Pflanzen und Tiere. Des Weiteren mache ich bei meinen Spaziergängen im Hirschacker Menschen auf die Naturschutzmaßnahmen aufmerksam. Dabei begegne ich sehr aufgeschlossenen Menschen, selbst wenn man sie bittet die Wege nicht zu verlassen oder ihren Hund anzuleinen. Wichtig ist, dabei freundlich die Hintergründe zu erklären. Bei den Gesprächen wird deutlich, dass die Spaziergänger den Hirschacker sehr schätzen, da er eine markante Abwechslung zum dichten Wald darstellt. Die Dünen treten deutlicher in Erscheinung, der Blick kann über blühende Heide hinweg in die Ferne schweifen und wird hin und wieder auf charakteristische kleine Baumgruppen gezogen. Und wenn man die Auf­merksamkeit an sonnigen Sommertagen auf die sandigen Wege lenkt, fliegen eilig blauschimmernde „Edelsteine“ davon …

Vielen Dank für das Gespräch!
  

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