Bäume fällen für den Naturschutz?

Bäume fällen für den Naturschutz?

von Anke Beisswänger

Maximilian Himberger (Quelle: privat)
Maximilian Himberger (Quelle: privat)

Maximilian Himberger hat sich in einer wissenschaftlichen Arbeit im Bereich Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit den Naturschutzmaßnahmen im Projekt „Lebensader Oberrhein – Naturvielfalt von nass bis trocken“ und dem Naturverständnis von Kindern im Alter von zehn bis 12 Jahren auseinandergesetzt. Wir haben ihn zu den Ergebnissen befragt:

Wie stehen die von Ihnen befragten Schüler/-innen zum Thema Artenschutz?
Die Frage nach dem Schutz vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen wird von den Schülerinnen und Schülern überwiegend positiv beantwortet. Die eigene Bereitschaft, sich aktiv am Schutz dieser Tier- und Pflanzenarten zu beteiligen, fällt hingegen etwas zurückhaltender, aber insgesamt immer noch positiv aus.

Wie ist es um ihren Zugang zu Biodiversität – im Sinne der Vielfalt von Lebensräumen – bestellt?
Die befragten Kinder der 4. und 6. Klasse assoziieren mit dem Begriff „Natur“ in erster Linie den Lebensraumtyp „Wald“. Im Hinblick auf die Bewahrung einer Vielfalt von Lebensräumen fallen die Antworten zwar auch überwiegend positiv aus. Jedoch zeigt vor allem die Befragung der Kinder aus der 6. Klasse, dass durchaus die Notwendigkeit besteht, für alle Schülerinnen und Schüler einen geeigneten Zugang zur Biodiversität im Sinne der Vielfalt von Lebensräumen zu schaffen.

Wo gibt es Diskrepanzen zwischen dem in der Literatur beschriebenen Naturverständnis von Kindern und der Naturschutzpraxis im Rahmen der Projekt-Maßnahmen auf dem Maulbeerbuckel?
Die Tatsache, dass viele Schülerinnen und Schüler – und auch allgemein viele Menschen – „Natur“ in erster Linie mit „Wald“ gleichsetzen, ruft auf den ersten Blick sicherlich großes Unverständnis hervor, wenn im Sinne des Naturschutzes Bäume gefällt und scheinbar karge Sandflächen offengelegt werden. Natur darf hier allerdings nicht durch den fehlenden Eingriff des Menschen definiert werden, vielmehr handelt es sich bei den Projekt-Maßnahmen auf dem Maulbeerbuckel um die Wiederherstellung einer historischen Kulturlandschaft, die durch die Beweidung der Flächen auf den Sanddünen entstanden ist. Diesen Unterschied gilt es zu vermitteln, um die Diskrepanzen zwischen Naturverständnis und Naturschutzpraxis aufzulösen. Im Sinne der Biodiversität ist es nämlich wichtig, mit möglichst vielen Konzepten des Naturschutzes zu arbeiten, um dadurch den unterschiedlichsten Lebensraumtypen – und den dort vorkommenden Arten – gerecht zu werden.

Welcher Handlungsbedarf besteht hier nach Ihrer Erfahrung, was wird getan?
In erster Linie ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler darüber aufzuklären, wieso an Standorten wie dem Maulbeerbuckel der Wald gerodet und offene Sandflächen geschaffen werden. Im Rahmen der pädagogischen Praxis ist es sinnvoll, zum einen die Vielfalt der verschiedenen Naturschutzmaßnahmen offenzulegen, damit nicht der Eindruck entsteht, Naturschutz bedeutet immer das Fällen von Bäumen. Stattdessen gilt es zu zeigen, dass verschiedene Lebensraumtypen eben auch verschiedene Arten von Naturschutzpraktiken benötigen. So wird beispielsweise im Nationalpark Schwarzwald der Wald im Sinne des Naturschutzes komplett sich selbst überlassen, während es auf den Binnendünen im Oberrheingraben im Gegensatz dazu notwendig ist, den Wald zu roden, um die offenen Sandrasenflächen zu schützen. Außerdem ist es wichtig, die Empathie der Schülerinnen und Schüler für die Arten des Lebensraums Sanddüne zu wecken. Damit der Naturschutz greifbar wird und sich nicht nur auf einen für die Schülerinnen und Schüler sehr abstrakten Biotoptypen begrenzt, können bestimmte Arten – wie etwa der Ameisenlöwe oder die Sand-Silberscharte, die beispielhaft für die schützenswerten Biotoptypen stehen – in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit gerückt werden.

Wie geht es weiter?
Ich hab gerade begonnen, meine Abschlussarbeit im Lehramtsstudium ebenfalls über die Maßnahme auf dem Maulbeerbuckel im Rahmen des Projekts „Lebensader Oberrhein“ zu schreiben. Dabei geht es einerseits um die Beschreibung der Kooperation zwischen dem NABU und der Waldschule Walldorf und andererseits um die didaktisch-pädagogische Aufarbeitung des Naturschutzprojektes für den Unterricht in verschiedenen Klassenstufen. Ich möchte dadurch erreichen, dass die Schülerinnen und Schüler der Waldschule Walldorf für die Wichtigkeit dieser Naturschutzmaßnahme sensibilisiert werden und später als Multiplikatoren auftreten, die in der gesamten Bevölkerung der Stadt Walldorf das Verständnis für die Maßnahme fördern können.

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